Wien – erzählt man sich – ist eine wunderschöne Stadt. Sie ist bekannt für ihre monumentalen Bauwerke, Kaiserin Sissi und die Sachertorte. Wofür sie nicht bekannt ist, zu Unrecht, ist ihre Hiphop Szene. Es herrscht eine wahre Vielfalt an jungen, kreativen und talentierten Menschen, die hier ihre Talente ausleben, etwas abseits vom Öffentlichen Interesse. Dazu zählen auch AliceD und Meaucess. Wir haben sie getroffen und mit ihnen über die Wiener Szene, ihre Anfänge und ihre Pläne für die Zukunft gesprochen.

AliceD – Zwischen Vorstadtidylle und Emanzipation

Ich war bis jetzt einmal in meinem Leben bei einem Rapper zu Hause, und diese Erfahrung hat mein Bild vom „Rapper-Dasein“ bis dato stark beeinflusst. Die Einrichtung erinnerte mich an die meiner Oma – nur in billiger. Überall standen überquellende Aschenbecher herum, Müll lag auf dem Boden und irgendwo dazwischen eine Katze, die verdächtig dünn wirkte und noch furchtbarer miaute als sie aussah. Der einzige Raum, der wirkte, als würde die weltbeste Spurensicherung keine einzige DNS-Spur finden, war das wohnungseigene Tonstudio. „So leben Rapper“, dachte ich mir demnach bis vor kurzem – dann war ich bei AliceD zu Hause. Etwas außerhalb von Wien, in einer verdächtig idyllischen Gegend mit zu freundlich lächelnden Nachbarn und akkuraten Vorgärten wohnt Alice in einer Wohnung; ohne besagte Aschenbecher und den Müll, selbst die Katze fehlte. Stattdessen gab es übervolle Bücherregale, antiquierte Möbel und eine Menge Kunstwerke. Und dazwischen wir, bewaffnet mit Kamera, Aufnahmegerät und einer Menge Fragen.

Wann war der Zeitpunkt da, als du dir gedacht hast, du fängst jetzt an zu rappen?

Das war Ende 2014, weil mein bester Freund mich sozusagen gezwungen beziehungsweise animiert hat. Wir haben gerade Busta Rhymes gehört und er hat gemeint, dass es nicht sein kann, dass ich alles mitrappen kann aber selber nicht rappe. Er hat damals schon circa 3 Jahre lang gerappt und gesagt: „Wir suchen einfach einen Beat raus, du schreibst irgendwas und probierst es!“. Ich war anfangs nicht so begeistert, hab mir dann aber gedacht: „Warum nicht?“ und hab´s geschrieben. Zwei Wochen später hatte er einen Auftritt zu dem er mich mitgeschleppt hat und ich hatte einfach ur viel Spaß dran.

Dein letzter Song heißt ja „Herbert weint manchmal“. Erzähl kurz worum es dabei geht?

Ich find man kann´s bei meinen Songs nie in Einem sagen worum´s geht. Es sind eher Emotionen und Gefühle meines momentanen Lebensabschnittes, die ich dann in irgendwas verpacke. Sowie bei Goddess, da gibt’s auch nur zwei Grundaussagen, der Rest ist irgendwas.

Was sind dort die Grundaussagen?

(lacht) Bei Goddess würd ich sagen geht´s hauptsächlich darum, keinen Typen jemals nachzurennen, Selbstbewusst und Selbstbestimmt zu sein. Bei Hustla ist es im Prinzip eine ganz eigenartige Form der Emanzipierung. Ursprünglich wollte ich die typischen Geld-Money-Bitches-Videos, die jeder kennt, ein bisschen auf den Arm nehmen, zum Beispiel mit Bierbauch und autoputzenden Bitches. Ich dachte mir, das hat noch nie jemand umgedreht und alle bleiben in ihrer Rolle, obwohl es das schon so lang gibt und das find ich ur traurig.Außerdem find ich’s lustig mal das Gegenteil zu machen.

Nochmal zurück zu „Herbert weint manchmal“ – wieso heißt der Song so?

Das ist eine echt witzige Story. Ich hatte keinen Namen und Babu meinte einfach so: „Wenn du in 10 Sekunden keinen Namen hast, dann nenn ich ihn jetzt einfach „Herbert weint manchmal“. Ich war damit einverstanden und es hat dann auch gut gepasst, weil der Beat ziemlich emotional ist.

Deine Songs sind ja alle auf Englisch. Bist du kein Deutsch-Rap Fan?

Nein, ich bin absoluter Deutsch-Rap Fan ehrlich gesagt! Ich hör zurzeit sogar lieber Deutsch-Rap als alles andere. Ich hab’s erst voll spät für mich entdeckt, eigentlich erst vor zwei Jahren. Davor war’s eben immer englischsprachiger Rap, deshalb rappe ich auch auf Englisch. Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich mich damit besser identifiziere, aber es fällt mir einfach leichter dadurch. Ich hab das seit meinen siebenten Lebensjahr im Gehör. Deutsch-Rap ist noch ein Mysterium für mich. Nicht, dass ich mich nicht trauen würde, ich brauch da einfach noch ein bisschen Zeit.

Wie hast du Anschluss in der Wiener HipHop Szene gefunden? Was waren deine Anlaufstellen?

Die ersten Anlaufstellen waren „B72 Open Stage“ und das „Einbaumöbel“, weil diese Events wöchentlich stattgefunden haben und ich so immer hingehen konnte und auch immer auftreten konnte. Im Einbaumöbel habe ich anfangs auch viele gute Rapper kennengelernt. Dort sind wirkliche HipHop Heads drinnen, deren Meinung ich sehr schätze. Ich war nicht unbedingt dort, um Feedbacks zu bekommen, sondern einfach nur, um mit ihnen zu quatschen.

Bist du auch in einer Rap Crew oder nur Solo unterwegs?

Mittlerweile Solo. Anfangs war ich mit Babu und Boras zusammen, aber dann haben wir uns alle in verschiedene Richtungen entwickelt. Babu ist Old School, Boras ist Hardcore Trap, und ich bin so ein Mittelding. Wir machen schon noch viel musikalisch zusammen und ich hab jetzt auch ein echt geiles Projekt mit dem Boras zusammen.

Das war meine nächste Frage an dich. Erzähl mal was du in nächster Zeit für Projekte am Start hast.

Das wird ein dreiteiliges Video, das aus drei Tracks besteht, die aber in einem fetten Video gemeinsam verpackt sind. Es wird zum ersten Mal ein Storytelling, mit einer kleinen Liebesgeschichte und Drama. Das steht auf jeden Fall in den Startlöchern. Ein Monat werden wir aber sicher noch dafür brauchen.

Jetzt kommt die schwierigste Frage. Welche 3 HipHop Künstler aus Wien feierst du?

Auf jeden Fall Wienzeile und Kopf an Kopf ab. Diese zwei unterstütze ich zu 100 Prozent! Dann wird’s schwierig, denn es gibt so viele Newcomer! Das ist schwer. Yung Hurn brauch ich eigentlich nicht sagen, oder? Weil wenn’s um HipHop Künstler geht, würde ich ihn gar nicht dazuzählen, denn er ist einfach eine ganz eigene Kategorie. Ich tendier grad zwischen Jugo Ürdens und Lazy$WAN. Wobei ich mich doch für Lazy$WAN entscheide.

Letzte, etwas seltsame Frage! Was ist dein Lieblings-Snapchatfilter?

Danach haben wir Alice noch nach ihrem absoluten Lieblingsort in Wien gefragt und waren plötzlich im Auto, auf dem Weg raus aus der Stadt. Umso weiter sie fuhr, desto flacher wurden die Häuser – bis sie irgendwann ganz verschwanden. Höhenstraße nannte sich das Ganze, rauf zum Cobenzl. Verschlungene, gepflasterte Waldstraßen, Kindheitserzählungen von Alice und die rötliche Abendsonne. Irgendwo zwischen Weinberg und Wald blieben wir stehen, mit einem atemberaubenden Blick auf die Stadt, die jetzt irgendwie richtig klein wirkte. Aus dem Auto drang durchgehend laute Musik, Senioren standen neben uns und genossen ebenfalls die Aussicht und wir haben mit viel Mühe versucht, STRAIGHT OUTTA VIENNA in den Schnee zu schreiben – mit mäßigem Erfolg.

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Meaucess – Der Producer mit dem unaussprechlichen Namen

Es ist so kalt, dass sich eigentlich niemand nach draußen wagen will. Schon gar nicht, um im Freien an der Würstelbude zu stehen – die einzige Hitzequelle die Käsekrainer in der Hand. Wir haben es trotzdem gewagt, um Moe aka Meaucess (gesprochen Moses) zu treffen. Er ist der Producer mit dem unaussprechlichen Namen, der vor kurzem nach Wien gezogen ist, um sich beim Wiener HipHop zu versuchen. Wir haben ihn getroffen, um mit ihm über die Wiener Szene zu plaudern, um zu erfahren was er in Zukunft so geplant hat und mit welchem HipHop Künstlern er am liebsten in den Urlaub fahren möchte. Außerdem hat er uns auch noch seine peinlichste E-Mail Adresse verraten.

Wie ist dein Eindruck von der Hiphop Szene in Wien?

Die HipHop-Szene in Wien gefällt mir echt gut – sie war unter anderem auch ein Grund für mich nach Wien zu ziehen. Duzz Down San, Honigdachs… da geht auf jeden Fall was. Die Stadt bietet viele Veranstaltungen und Partys die Szene betreffend und zurzeit genieße ich das sehr.

Seit wann produzierst du selbst Musik?

Ungefähr seit 3 Jahren würde ich sagen. Das hat alles angefangen, wie…. bei wahrscheinlich jedem der Hiphop Musik macht (lacht). Bevor wir unseren ersten Proberaum hatten, haben meine Kumpels und ich uns oft bei mir zu Hause getroffen zum abhängen und feiern, hatte so einen kleinen Hobbyraum im Keller. Dort haben wir dann auch unsere ersten Turntables aufgestellt und gefreestylt. Wir haben das dann auch immer öfters bei Partys von Freunden gemacht (was nicht immer jedem gefiel haha) – alles nur zum Spaß. Irgendwann hat ein Kumpel von mir, der mir auch HipHop näher gebracht hat, begonnen, selbst Beats zu produzieren. Er hat mir gezeigt, wie man das Programm Fruity Loops bedient und so nahmen die Dinge dann ihren Lauf.

Und was verwendest du heute, um Musik zu produzieren?

Aktuell arbeite ich mit Ableton, meinem Micro Korg und ganz klassisch; Samples von Platten.

Du bist ja nicht nur Producer, sondern auch Rapper bei der Tiroler Rap Crew „Da Kessl“. Arbeitet ihr zur Zeit an etwas Neuem?

Wir arbeiten bereits seit unserer Gründung an unserem ersten Album. Lassen uns viel Zeit damit, verwerfen hin und wieder mal was und geben neue Tracks dazu … naja soll wohl so ein „Gut Ding braucht Weil-Ding“ Inzwischen sind wir an einem recht guten Punkt angekommen; zwar gibt es noch kein fixes Release-Date, aber es kann nicht mehr allzu lange dauern. Veröffentlicht haben wir bereits das Fischkoch Mixtape, in dem wir über verschiedene Beats rappen, welche nicht von uns stammen. Da bin ich aber gar nicht dabei, weil ich im Ausland war, als dies die Jungs recordeten.

Und, habt ihr schon einen Namen für das Album?

Wir haben verschiedene Ideen, jedoch noch keinen konkreten Namen.

Wie sieht es jetzt eigentlich aus, wenn du in Wien bist? Ist es schwerer geworden, gemeinsam Musik zu machen?

Es gibt durchaus Komplikationen, aber das ist alles nicht so tragisch. Schließlich ist Innsbruck nur 4 Stunden Zugfahrt von Wien entfernt und vieles kann man auch einfach online übermitteln.
Außerdem konzentriere ich mich im Moment eh mehr aufs produzieren, weshalb es recht angenehm für mich ist, wenn ich den Jungs einfach hin und wieder mal neue Beats durch schicke.

Hast du schon mit Wiener Hiphop-Künstlern zusammen gearbeitet?

Richtig zusammen gearbeitet noch nicht wirklich, jedoch habe ich für Digga Mindz einen Remix erstellt. Ich bin aber gespannt, was sich in Zukunft so ergeben wird.

Hast du auch Solo-Projekte geplant?

Ich habe bereits vor einiger Zeit eine Instrumental-EP veröffentlicht, die Eyefloater EP by Meaucess und „Dusty Loops“, ein Beat Mixtape. Zur Zeit arbeite ich an etwas Ähnlichem und auch noch mit Hecka Schar (Da Kessl) an einem gemeinsamen Instrumental Projekt.

Welche 3 Alben hörst du zurzeit rauf und runter?

Vielleicht bin ich etwas spät dran, aber ich habe vor kurzem „Summertime ´06“ von Vince Staples entdeckt, feier ich total. Dann die Instrumentalplatte „Framework“ von Hubert Daviz hör ich gern und „How What Time“ von Commodo.

Wer inspiriert dich? Hast du Vorbilder?

Ich würde niemanden direkt als Vorbild bezeichnen, aber ja, es gibt viele Produzenten deren Sound mir extrem gut taugt.

Und mit welchem Rapper würdest du gerne in den Urlaub fahren?

(lacht) Muss es ein Rapper sein? Falls nicht, würde ich auf jeden Fall mit dem Pirmin (DJ von Da Kessl) verreisen wollen. Der kennt sich im Osten der Welt sehr gut aus wie ich weiss, denke er wäre ein super Reisebegleiter!

Was ist die peinlichste E-Mail Adresse die du jemals hattest?

Das war in meiner Freeski Zeit. Da war meine E-Mail Adresse tatsächlich parkdestroyer@hotmail.com Eigentlich könnte – nein sollte – ich mir die wieder zulegen. (lacht)

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