Mit wie viel Geld kann man eine Woche lang auskommen? Und wofür gibt man die Unmengen an Zaster aus, wenn man zu viel davon hat? Wir haben uns beide Fragen gestellt und einen Selbstversuch gestartet, den wir mit täglichen Vlogs dokumentierten. Außerdem wollten wir wissen, wie es für Studierende ist, mit wenig Geld auskommen zu müssen und wie mit dieser Lebenssituation umgegangen wird. 

Dass die meisten Studierenden nicht gerade in Geld baden, dürfte nicht unbekannt sein. Immer mehr Studierende sind von Armut betroffen, mehr als die Hälfte von ihnen leben sogar unter der Armutsgrenze. Die meisten Studierenden müssen einen Nebenjob ausüben, um sich über Wasser halten zu können, wodurch sich schlechter auf die Uni konzentriert werden kann – ein ewiger Teufelskreis.

Wie ist es, unter der Armutsgrenze zu leben? Gewöhnt man sich daran oder startet der Kampf mit dem Budget mit jeder Woche aufs Neue?

Um diese Fragen zu beantworten, haben wir einen Selbstversuch gewagt und eine Woche mit einem sehr geringen Budget gelebt. Wir, das sind Laura und Vera, Studierende an der Universität Wien, leben gemeinsam in einer Wohngemeinschaft in Wien. In der dokumentierten Woche lebt Vera als geringfügig verdienende Studentin ohne weitere finanzielle Hilfe. Also mit genau 425 Euro pro Monat. Laura lebt so, als wären ihr finanziell kaum Grenzen gesetzt. Wir haben in dieser Woche versucht, diese sehr verschiedenen Lifestyles gegenüberzustellen und begleiteten uns in einem Videotagebuch:

Veras Rechnung setzt sich wie folgt zusammen:

+ 425 € Einkommen
– 220 € StudentInnenwohnheim
– 30 € Wienerlinien Ticket
– 15 € Handy
+ 160 pro Monat für Lebenserhaltungskosten / 4 Wochen
= 40 € pro Woche

Das heißt für Vera: Eine Woche lang mit genau 40 Euro auskommen. Wir haben übrigens einfach eine Münze geworfen, wer von uns beiden mit den 40 Euro auskommen muss. Als Zeitraum für unseren Versuch legen wir eine Woche, von Montag Früh bis Sonntag Abend, fest. Das kann ja spannend werden…

Wir teilen uns im realen Leben eine ganz normale WG. Von 220 Euro Miete gehen wir leider nur in unserem Versuch aus. Diese wären aber für ein Doppelzimmer in einem günstigen StudentInnenwohneheim realistisch. Für unseren Versuch kann ja niemand ausziehen. Das Ticket der Wienerlinien haben wir aufs Jahr hochgerechnet und dann auf ein Monat umgelegt. Dabei kommen wir auf 30 Euro. Einen Handytarif zu finden, der ins StudentInnen-Buget passt, war gar nicht so schwierig. Es gibt viele Angebote, die speziell auf junge Leute zugeschnitten sind. Wir haben uns für den um 15 Euro inklusive einfachem Smartphone und Allem drum und dran entschieden.

Gesamtausgaben liegen bei 265 Euro pro Monat. Sprich, es bleiben 160 Euro zum Leben übrig. Alles noch Zahlen, von denen man denken könnte, dass es sich ja locker ausgehen würde. Pro Woche sind es dann aber eben nur noch 40 Euro. Und genau mit diesen starten wir in das Experiment.

Was ist überhaupt ein Sozialmarkt?

Der Sozialmarkt ist ein gemeinnütziger Verein, in dem sozial benachteiligte Menschen Produkte zu einem sehr geringen Preis erwerben können. Der Verein arbeitet ohne jegliche Förderungen aus öffentlicher Hand und trägt wesentlich dazu bei, Menschen mit grundlegenden Gütern und Nahrungsmitteln zu versorgen. Seit 2008 gibt es drei Geschäfte in Wien. Dort darf jeder einkaufen, der studiert oder über ein nur geringes Einkommen verfügt (Netto bis 1104 Euro). Für die Anmeldung braucht man nur einen Studentenausweis bzw. einen Einkommensnachweis, mit dem man sofort eine Einkaufskarte erhält. Wer den Sozialmarkt auch mal ausprobieren möchte, muss nach Favoriten, Ottakring oder Donaustadt fahren. Die genauen Standorte findet ihr auf der Website des Vereins.

Zum Experiment

Das Leben mit geringem Einkommen ist schwer kombinierbar mit dem der unbegrenzten Möglichkeiten. Da ist ein Coffee to go nur der Anfang des Ganzen. Für die Einen sind es vier Euro im vorbeigehen, für mich waren es diese Woche zehn Prozent meines wöchentlichen Budgets.

Auch bei der Abendbeschäftigung war es ähnlich. Auf Nachrichten immer mit dem Satz „Sorry, hab grad echt kein Geld“ zu antworten, zehrt nicht nur am Ego, sondern auch am Freundeskreis. Für eine Woche ist das alles keine große Sache. Auf Dauer allerdings schon. Neben den zahlreichen (Spaß-)Möglichkeiten, die mir entgehen, gibt es natürlich noch wichtigere Sachen wie Medikamente, Uni-Materialien oder einfache Wintersachen, die unerschwinglich scheinen. All diese Ausgaben machen das Leben ja erst richtig schwer und leider konnten wir genau das im Rahmen unseres Experiments nicht so richtig testen.

Einblicke in die Realität

Die Studie, die 2013 am Institut für Soziologie an der Universität Wien durchgeführt und bei der rund 5000 Studierende befragt wurden, macht deutlich, dass mehr als ein Drittel der befragten Studierenden sehr große finanzielle Probleme haben (Vgl. Benning, 2013).

Um Einblicke in die Realität zu bekommen, haben wir mit einigen Studierenden über ihre Lebenssituation gesprochen und ihre Geschichten dokumentiert.

Im Gespräch mit Student Nemanja (26)

Im Gespräch mit Studentin Katharina (24)

Hast du einen Haushaltsplan?

Nein, ich habe keinen Haushaltsplan in dem Sinne. Trotzdem versuche ich nach Möglichkeit darauf zu schauen, wie viel Geld ich regelmäßig ausgebe. Dazu hebe ich zum Beispiel Einkaufszettel auf, um am Ende des Monats die Einkäufe nachvollziehen zu können. Manchmal fällt mir so auch Einsparpotential auf.

Inwiefern beeinträchtigt dein Budget dein Leben?

Ich kann aufgrund meines begrenzten Budgets keine großen Sprünge machen, sondern muss eben mit dem haushalten, was mir zur Verfügung steht. Spontan mal ins Kino gehen, hier einen Kaffee trinken, dort mal essen gehen – das geht eben nicht einfach so. Bevor ich etwas unternehme, muss ich durchrechnen, ob ich mir das auch leisten kann.

Muss man teilweise auf Komfort verzichten?

Man kann sich auch mit wenig Geld gemütlich einrichten. Im Alltag muss ich dennoch Abstriche machen. Statt mit dem Auto einen Wochenendausflug zu machen oder in den Urlaub zu fliegen, mache ich oft einfach Urlaub auf Balkonien. Die regelmäßigen Haltungskosten für ein Auto kann ich mir nicht leisten. Zum Glück lebe ich in der Großstadt. Hier gibt es ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz. Bei gutem Wetter kann ich mit dem Fahrrad fahren. Doch in einer muffigen U-Bahn stehen oder verschwitzt mit dem Fahrrad anzukommen, ist manchmal wirklich unangenehm.

Was bedeutet Komfort für dich?

Komfort hat für mich etwas mit Wohlfühlen zu tun. Grundsätzlich muss das nicht teuer sein. Bequeme Möbel gibt es auch zu günstigen Preisen. Doch, wie bereits beschrieben, lassen sich bestimmte Annehmlichkeiten eben doch mit Geld kaufen. Im eigenen Auto musst du nicht zwischen verschwitzten Menschen in der überfüllten U-Bahn stehen. Wenn du Lust auf einen Spontanurlaub hast, kannst du dich bei dem entsprechenden Budget einfach in ein Wellness-Hotel einbuchen und es dir gutgehen lassen. Geld kann also schon vieles angenehmer machen, wo jemand mit eingeschränktem Budget schon mal um die Ecke denken muss. Nicht umsonst heißt es: Not macht erfinderisch.

Musst du manchmal auf Sachen verzichten, auf die du nicht gerne verzichten würdest?

Ja, sicher. Das ist dann eben so. Den bereits angesprochenen Spontanurlaub kann ich nicht einfach so buchen. Das fängt aber schon bei viel kleineren Investitionen an. Wenn ich im Buchladen guten Lesestoff entdecke, muss ich mir stets überlegen, ob das Buch denn gerade noch im Budget ist oder ich das Geld gerade für etwas anderes brauche. Das ist zuweilen wirklich umständlich und auch ärgerlich. Nicht jeder kann solche Probleme nachvollziehen. Da kommt also auch ein gewisser Peinlichkeitsfaktor hinzu.

Was ist, wenn du in der Woche mal mehr ausgibst, als du ausgeben solltest?

Das kommt eigentlich nie vor. Ja, wirklich. Problematisch ist es nur, wenn ich unvorhergesehene Ausgaben habe. Dann wird es manchmal wirklich eng. Dann muss ich leider an anderer Stelle sparen. Meist sind das Freizeitaktivitäten und schlimmstenfalls eben auch Lebensmittel. In einem solchen Fall verzichte ich auf teure Lebensmittel wie Fleisch. Stattdessen ernähre ich mich dann großteils von Grundnahrungsmitteln wie Pasta, Reis usw., um die „finanzielle Durststrecke“ zu überbrücken.

Fühlst du dich manchmal ausgebrannt?

Ja, schon. Die ganze Rechnerei und die damit verbundene Unsicherheit können einem schon mal den Schlaf rauben. Wenn es finanziell gerade eng bei mir ist, macht mich das nervös. Auf Dauer wirkt das wirklich ermüdend.

Inwiefern würde sich dein Lebensstil ändern, wenn du mehr Geld zur Verfügung hättest?

Ich würde es einfach genießen, nicht immer jeden Euro umdrehen zu müssen. Ich brauche neue Kleidung? Kein Problem. Der neue Bestseller von XY ist gerade veröffentlicht worden? Klar kann ich mir den leisten! Ich denke, ich würde dann viel unbeschwerter leben und auch mehr unternehmen. Wenn du finanziell eingeschränkt bist, leidet eben auch dein Sozialleben. Schließlich willst du vor anderen nicht zugeben: Sorry, den Kaffee kann ich mir gerade nicht leisten. Also sagst du einfach, dass du keine Zeit hast oder so. Irgendwann ist das Leuten aber auch zu blöd und Kontakte reißen ab.

Wie löst du es, wenn du größere Anschaffungen unverhofft tätigen musst?

Wie ich bereits sagte, ich muss dann meist an anderer Stelle Abstriche machen. Zwar versuche ich immer so ungefähr 500 Euro als Rücklage zu haben, aber das reicht eben auch nicht immer. Wenn die Waschmaschine kaputtgeht und gleichzeitig im Winter die Therme nicht funktioniert oder sonst irgendetwas, dann sind die 500 Euro schnell aufgefressen. Und dann dauert es.

Fazit

Studierende, die mit einem geringfügigen Gehalt leben, haben es nicht leicht. Es muss auf einige Aktivitäten verzichtet und immer das verbleibende Budget im Hinterkopf behalten und gründlich durchgerechnet werden. Aber, es ist möglich, wie man sieht. Kompromisslos kann aber nicht gelebt werden. So muss beispielsweise auf Kinoabende, neue Bücher, teure Lebensmittel, neue Kleidung oder einen einfachen Coffee to go verzichtet werden. Kostspielige Hürden wie etwa das Studententicket oder wichtige Medikamente sollten vom Staat für die Studierenden zu Verfügung gestellt werden. Auch wenn die Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) schon mehrmals solche Forderungen gestellt hat, wurden diese bis jetzt noch immer nicht umgesetzt. Diskussionen und Verhandlungen sind jedoch im Gange.

Peter K.

Laura L.

Anna-Luisa M.

Vera S.

Andreas Z.