Von Dirndlg’wand und Kosmopolitismus

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Jeder Österreicher hat das schon einmal auf einer Auslandsreise erlebt: Du sagst, dass du aus Österreich bist und bekommst üblicherweise eine von drei Reaktionen: „Dirndl, Lederhose und Mozart“ fällt den meisten ein, „Fritzl, Priklopil und Hitler“ sagen andere und unsere besonderen Lieblinge sind die von der „Oh, hast du einen Koala als Haustier?“-Fraktion. Das sind aber die Eindrücke von jenen Leuten, die entweder noch nie oder nur kurz als Touristen in Österreich waren. Österreicher selbst sprechen oft von der Gemütlichkeit, die sie ausmachen soll. Welchen Eindruck aber bekommen Migranten, wenn sie sich länger bei uns aufhalten und uns näher kennenlernen? Wir haben nach dem Blick „von außen“ gesucht und vier Leute aus drei Kontinenten zum Thema Österreich befragt.

Laura, 25, Deutschland
Du warst doch bevor du hierher gezogen bist noch nie in Wien. Hast du dir die Stadt anders vorgestellt?

Nein, der Ruf hält was er verspricht. Ich hab es mir recht fancy vorgestellt, vor allem die Gebäude und so sind ja schon ein sehr wichtiger Teil Wiens: Wenn man an Wien denkt, denkt man ja hauptsächlich an den ersten Bezirk. Auch das Geschichtliche mit den Habsburgern und Prinzessinnen wird in Wien noch gut am Leben erhalten. Damit hatte ich ja in Norddeutschland gar nichts zu tun, und deshalb ist es umso schöner. Das Bild, das ich von Österreich und Wien hatte, kommt aber vielleicht auch ein bisschen von den Sissi-Filmen, die ich früher zu Weihnachten immer mit meiner Oma geguckt habe. Aber natürlich habe ich auch andere interessante Seiten von Wien kennengelernt.

Was für Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich sind dir aufgefallen?

Das kann man nicht so einfach beantworten, weil Deutschland sehr vielschichtig und vielseitig ist, und Österreich natürlich auch. Der Norden Deutschlands unterscheidet sich schon mal sehr vom Süden, und der Süden ist aus meiner nordischen Perspektive schon sehr ähnlich zu Österreich. Also wenn ich zum Beispiel mit dem Zug von Hamburg runter über Bayern nach Wien fahre, ist das ein sehr fließender Übergang und ich weiß auch erst, dass ich schon in Österreich bin, wenn ich eine Roaming-SMS bekomme.

Was fällt dir zu den verschiedenen Bräuchen und Traditionen in Österreich und Deutschland ein?

Ja da finde ich den Unterschied zwischen nördlichem und südlichem deutschsprachigen Raum schon recht krass. Wir haben keine Dirndln und auch so kirchliche und geschichtliche Traditionen und Feiern gibt es bei uns nicht so sehr, da ist das Ganze ein bisschen kühler.
Wir feiern keinen Krampus, und Fasching wird auch nicht so stark gefeiert wie zum Beispiel in Köln. Wir haben nur unseren Hafengeburtstag. Zum Vatertag zum Beispiel gehen die Männer auf Tour. Da ziehen sie in Grüppchen mit einem Bollerwagen voller Alkohol durch die Stadt und feiern und trinken.
Eine schöne Tradition gibt es zum Beispiel auch von den Wandergesellen: Wenn Zimmermänner, Schmiede, Müller und andere Grundhandwerker ihre Ausbildung abschließen und Gesellen werden, können sie für drei Jahre auf Wanderschaft gehen. Da hat jedes Handwerk unterschiedliche Trachten und Rituale. Die machen sich ohne Handy, Geld oder sonstige Hilfsmittel zu Fuß oder über Mitfahrgelegenheiten auf den Weg und bietet seine Arbeitskraft an unterschiedlichen Orten gegen Kost und Logis an. Nach drei Jahren als Wandergeselle oder Wandergesellin kann man dann wieder zurück in die Heimat. Das sind echt interessante Leute und wenn ich in Deutschland bin und mal so jemanden mit dem Auto mitnehme rede ich echt gerne mit ihnen darüber; also das ist schon noch etwas recht Gebräuchliches bei uns.

Wie hast du die Umstellung zum österreichischen Essen in Erinnerung?

Am ehesten fielen mir da die Unterschiede bei den Bezeichnungen auf. Melanzani – Aubergine, Schlagobers – Sahne, Topfen – Quark und sowas. Oder einmal wollten Freunde und ich Kasseler kochen und haben einfach nichts gefunden, also mussten wir zuerst einmal nach einer Übersetzung suchen. Hier ist das ein Selchroller.
In Österreich ist es auch einfacher und günstiger, Bioprodukte zu kaufen. Viele Supermärkte haben hier eigene Biomarken und bessere Angebote als in Deutschland.
Vom österreichischen Essen her mag ich richtig gerne Sachertorte. Ich mag zwar das Café Demel lieber, aber die Torte vom Sacher ist besser. Ich nehm sogar immer ein paar Torten mit nach Deutschland, wenn ich zu Weihnachten nach Hause fahr. In Hamburg gibt’s die Franzbrötchen, ein süßes leckeres Gebäck, die fehlen hier.

Hal, 23, USA
Was für Fragen stellen dir Österreicher am häufigsten?

Ich habe mir eigentlich gedacht in Österreich wäre es wie in Bayern, also nicht viel anders als Deutschland. Es hat mich überrascht, dass Österreich eine eigenständige Identität hat, also dass es auch so viele Sprachunterschiede zwischen deutschem Deutsch und österreichischem Deutsch gibt.

Welche Klischees bezüglich Österreich haben sich für dich bewahrheitet?

Dass man oft Trachten trägt. Besonders in Heurigen und in den Bierhallen.

Viele Österreicher sprechen ja im Alltag Dialekt. Wie schwer fällt es dir, mit Österreichern zu kommunizieren?

Nicht so schwer, aber schwieriger als mit den Deutschen. (Lacht.)

Jedes Land hat ja so seine Sitten und Gebräuche - welche sind dir in Österreich besonders aufgefallen?

Hmm… Die Bälle, also die Ballsaison, das scheint so eine große Tradition hier zu sein. Bei uns in den USA gibt es nichts Vergleichbares. In der High School gibt es zwar einen „Prom“ (Anm.: Abschlussball), aber das ist ja nicht für Erwachsene gedacht. Aber die Bälle hier finde ich auf jeden Fall cool. In den USA kann man zwar Tanzen in der Tanzschule lernen, aber so richtige Bälle gibt es leider nicht.

Was findest du am Verhalten der Österreicher besonders kurios?

(Lacht.) Ich find es lustig, dass alle ihre Ruhe haben wollen. Dass das so wichtig ist hier. Und auch, dass die Menschen sehr höflich und formell miteinander umgehen im Alltag. Und ich hab das Gefühl, dass die Höflichkeit hier sehr wichtig ist. Also es spielt sich ganz anders ab als in den USA.

Gibt es etwas was Österreicher machen, dass du als ungewöhnlich empfindest?

Mhm… dass man z.B. Briefe an die Nachbarn schreiben muss, bevor man eine Party macht und, dass alle so früh aufstehen.

Was sind die größten Unterschiede zwischen Österreich und deinem Herkunftsland?

Waffen, Politik, öffentliche Verkehrsmittel. Ich würde sagen auch das „Lebenstempo“. Alles ein bisschen langsamer, aber das meine ich im guten Sinne. Also es ist auch alles ein bisschen entspannter, weniger Stress und die Leute [in Österreich] haben insgesamt mehr Freizeit, habe ich das Gefühl.

Was waren bislang deine drei größten Herausforderungen in Österreich?

Mich mit Einheimischen anzufreunden, in den Lebensmittelgeschäften zu gehen, bevor sie schließen, und die lokale Etikette zu lernen.

Österreichisches Essen - top oder ekelhaft? Was findest du besonders gut / schlecht?

Also ich sag’ immer, es gibt so zwei „Lieblingsgeschmäcker“ von Österreichern. Das ist entweder salzig oder gar kein Geschmack. Aber ich finde es eigentlich nicht so schlimm. Ich mag österreichische Küche, aber ich kann es leider nicht zu oft essen, weil es mir persönlich ein bisschen zu schwer ist. Am liebsten esse ich Schnitzel. (Lacht.) Was ich gar nicht mag, sind diese verschiedenen Fischaufstriche. Aus allem wird irgendwie so ein Aufstrich gemacht. Es gibt so viele verschiedene Aufstriche in Österreich und irgendwie…sind alle so fettig.

Was hättest du schon immer gerne allen Österreichern gesagt?

Hm.. also dass ich alle Österreicher ganz lieb und ganz nett finde. Und dass sie nie aufhören sollen zu reisen, um neue Ecken der Welt zu entdecken.

Was ist deine lustigste Geschichte, die du in Österreich erlebt hast?

Bei der Viennale habe ich einmal ein Kinoticket gekauft für einen Film. Ich hab mich auch sehr gefreut den Film zu sehen und ich dachte anfangs der Film beginnt um 18 Uhr, weil ich mir den exakten Zeitplan vorher nicht ganz genau angeschaut habe. Dann habe ich aber erfahren, am Tag davor, dass es sich um ein „Frühstückstheater“ handelt und dass der Film um 6 Uhr in der Früh spielt. Schlussendlich bin ich dann nicht hingegangen, weil ich überhaupt nicht verstehen konnte, warum es überhaupt so etwas wie „Frühstückstheater“ gibt und warum irgendwer gerne um 6 in der Früh ins Kino gehen würde.

Mohammad, 18, Afghanistan
Wie hast du dir Österreich vorgestellt bevor du hierher gekommen bist?

Eigentlich hatte ich keine klaren Vorstellungen. In Afghanistan habe ich über Österreich nichts gelernt. Ich wusste nur, dass Österreich sicher ist und das stimmt auch so.

Viele Österreicher sprechen ja im Alltag Dialekt. Wie schwer fällt es dir, mit Österreichern zu kommunizieren?

An den Dialekt gewöhne ich mich nur langsam, weil er sehr schwierig zu verstehen ist. Ein paar Wörter verstehe ich aber schon. Wenn die Leute deutlich und richtig Deutsch sprechen, verstehe ich schon viel. Deutsch ist eine sehr schwere Sprache: Auf Dari gibt es zum Beispiel keine Artikel und Fälle haben wir auch keine. Das ist jetzt sehr kompliziert für mich.

Jedes Land hat seine Sitten und Gebräuche - welche sind dir in Österreich besonders aufgefallen?

Ich kenne bestimmt noch nicht alles. Einmal war ich beim Krampuslauf. Das war ziemlich seltsam und irgendwie unheimlich. Ich hatte ein bisschen Angst. Lustig finde ich den Brauch, dass man zu Ostern Eier und Schokolade im Garten versteckt. Aber sie zu suchen hat Spaß gemacht.

Was findest du am Verhalten der Österreicher besonders kurios?

Das kann man nicht so allgemein sagen. Jeder Österreicher ist doch anders, so wie auch jeder Afghane anders ist.

Was sind die größten Unterschiede zwischen Österreich und deinem Herkunftsland?

In Österreich dürfen sich die Mädchen anziehen wie sie wollen. Das finde ich gut. Dass ich hier mehr lernen muss, ist sehr anstrengend für mich, aber es ist wichtig für meine Zukunft hier: Ohne Schule geht in Österreich gar nichts. Das ist in Afghanistan anders. Da war ich nie in der Schule. Besonders schön ist aber, dass es in Österreich keine Taliban gibt. Ich fühle mich hier sicher.

Österreichisches Essen - top oder einfach nur ekelhaft?

Schwein esse ich nicht, aber ich mag gerne Putenschnitzel, Apfelstrudel und Eiernockerl. Sachertorte finde ich auch ganz gut – die habe ich heuer zum Geburtstag bekommen!

Katerina, 29, Ukraine
Katherina, seit wann bist du in Österreich?

Ich bin im September 2013 nach Österreich gekommen, um hier zu studieren. Ich habe ein Stipendium erhalten und mache hier mein Doktorat in Religionspädagogik.

Dein Deutsch ist super…

Danke! Das liegt daran, dass ich Deutsch gelernt habe, bevor ich hierher gekommen bin. In der Ukraine beginnt man sehr früh zu studieren. Die meisten gehen gleich nach der Schule studieren, das ist ein bisschen wie eine Medizin gegen Armut. Man beendet die Schule mit 17 Jahren, ich war mit 18 bereits Studentin. Zuerst habe ich fünf Jahre in L’viv (Lemberg) Germanistik studiert und anschließend Religionspädagogik. Wir hatten in Lemberg eine Professorin aus Wien, die mir dort Deutsch beigebracht hat und als ich dann nach Wien kam, hatte ich ein Seminar bei ihrem Vater an der Universität in Wien. (Lacht.)

Was hat dich bewogen, nach Österreich zu kommen?

Das Studium. Ich wollte schon immer ein Auslandssemester irgendwo und andere Erfahrungen machen.

Was wusstest du über Österreich, bevor du hergekommen bist?

Eigentlich sehr viel aufgrund der Geschichte. In meiner Heimatstadt Lemberg gibt es eine kleine Gemeinde, die teilweise noch viel Bezug zu Österreich hat. Die Leute begrüßen sich auf der Straße mit „Servus“. Auch wird oft darüber geschwärmt, wie schön unsere „alte Oma Österreich“ doch war, denn Lemberg gehörte ja zu Österreich. Diese Periode war eine der besten für die Stadtentwicklung, es wurde in dieser Zeit die Oper gebaut, wir hatten Krankenkassen und die Wasserversorgung funktionierte einwandfrei – jedenfalls viel besser, als jetzt (lacht). Außerdem habe ich mich, als ich Germanistik studiert habe, natürlich sehr viel mit deutschsprachiger Literatur auseinandergesetzt; darunter war auch viel österreichische Literatur.

Was hältst du von den Österreichern?

Ich finde, die Österreicher sind eigentlich sehr verschieden. Sie erfüllen allerdings einige Klischees, die man über sie so kennt: Sie sind sehr pünktlich, genau und stehen zu ihrem Wort. Mein erster Eindruck war, dass sie sehr offen sind. Dieser Eindruck wurde mir später immer wieder bestätigt. Mir ist auch aufgefallen, dass die Familie hier eine große Rolle spielt.

Verstehst du österreichischen Dialekt?

Es ist für mich teilweise schon schwierig, Österreichisch zu verstehen. Vor allem dann, wenn die Professoren an der Uni sehr schnell reden, dann ist das Folgen der Lehrveranstaltungen eine Herausforderung. Meine Schwester hat damit vergleichsweise wenige Probleme, sie kann sogar selbst im österreichischen Dialekt sprechen.

Kennst du österreichische Sitten und Gebräuche und inwiefern unterscheiden sich diese von den ukrainischen?

Es gibt einige Parallelen. Weihnachten wird etwa in der Ukraine recht ähnlich gefeiert. Ostern unterscheidet sich aber sehr. Bei uns sieht man keine Osterhasen oder Osterbäume, es werden auch keine Nester versteckt. Ostereier bemalen wir aber schon. Außerdem bäckt jede Familie das Paska, das ist ein süßes Brot, und trägt dieses in einem Korb zusammen mit Wurst, Käse, gefärbten Eiern und anderen Grundnahrungsmitteln in die Kirche, wo es mit heiligem Wasser geweiht wird. Danach wird das Paska-Brot innerhalb der Familie gemeinsam gegessen. Außerdem richten wir uns nach dem julianischen Kalender, das heißt, Weihnachten und Ostern ist bei uns jeweils dreizehn Tage später.

Was sind, deiner Meinung nach, die größten Unterschiede zwischen den Österreichern und den Ukrainern?

Die Ukrainer sind, so wie die meisten Slawen, temperamentvoller und auch sehr patriotisch, die Österreicher eher kosmopolitisch.

Was war deine größte Herausforderung, als du nach Österreich gekommen bist?

Das Beschaffen der Dokumente, um hier studieren zu können. Man muss so viel vorweisen und angeben und braucht wirklich sehr, sehr viel Vorbereitung. Das war ziemlich mühsam! Es dauert mindestens ein bis zwei Jahre, bis man alles zusammen hat. Ich habe die Zusage für das Stipendium bereits 2011 erhalten und konnte erst 2013 hier studieren. Außerdem muss ich jährlich mein Visum erneuern lassen, dazu muss man wieder viele Dokumente vorweisen und zwei bis drei Monate warten, bis man den Bescheid bekommt. In dieser Zeit sitzt man in Wien fest und darf nicht ausreisen. Einige Freunde von mir haben sogar ein halbes Jahr lang gewartet.

Was würdest du gerne allen Österreichern mitteilen?

Ich würde mir wünschen, dass man sich gegenseitig besser kennenlernt, dass es mehr Austausch gibt, da Österreich und die Ukraine sich geographisch ja eigentlich sehr nahe sind. Aber dieser Wunsch ist an beide Seiten gerichtet!


Anna Pridt, Damian Leben, Salome Jeong, Sarah Liebhart, Theodora Höger